09.Aug. 2014

Lickety-chickety, chirruppy-churrp oder Die Übersetzung als experimenteller Schwebezustand

"Die wahre Übersetzung […] verdeckt nicht das Original […]."
Walter Benjamin[1]

 

Was ist eine gute, was eine schlechte Übersetzung aus dem Altchinesischen? Die chinesischen Originale geben einen Rahmen vor, den der Leser ausfüllen muss. Je mehr ihm diese reizvolle Aufgabe aus den Händen genommen wird, je mehr also der Übersetzer oder der im Neu-Formulieren meist alle Grenzen überschreitende Nachdichter ihre Ausdeutungen formulieren, desto schlechter ist in meinen Augen die Übersetzung. Sie mag sprachlich sogar ansprechend wirken, aber sie ist vom Original zu weit entfernt. Zu große Entfernung bedeutet also einen selbstherrlichen, anmaßenden Umgang mit dem Original.

 

Hochzeitlieder

Zwei, die nur vom Tode getrennten,
Die auf stiller Flut entlang,
Mann und Weib, zwei Spiegelenten,
Schweben unter Wechselsang!

Die Gefährtin reich an Tugend,
Reich an Anmuth, Sitte, Zucht,
Die von Schönheit stahlt und Tugend
Hat ein Kluger ausgesucht.

Viele Schilfe, kurz’ und lange,
Schwanken hin und her im Wind,
neigen sich des Wassers Drange,
wao sie aufgewachsen sind.

Unsre Jungfrau zu gewinnen
Wünscht im Wachen und im Traum
Mancher, sich mit eitlem Sinnen
Wälzend auf des Lagers Raum.

(Friedrich Rückert 1830)

Fischadler

Kwankwan …: die Fischadler
auf Insel im Strom.
Anmutige, reine Frau.
[Ich] Edelgeborener möchte mit Euch zusammensein.

Ineinander verflochtene Seerosen
rechts und links gepflückt.
Anmutige, reine Frau.
wachend, schlafend begehre ich [Euch].

Ich begehre, aber erlange Euch nicht.
wachend, schlafend sehne, verzehre ich mich.
Oh bekümmert, oh bekümmert
werfe, wälze ich mich von Seite zu Seite.

Ineinander verflochtene Seerosen
rechts und links gesammelt.
Anmutige, reine Frau.
Zithern umschmeicheln Euch.

Ineinander verflochtene Seerosen
rechts und links geerntet.
Anmutige, reine Frau.
Glockenspiel und Trommelschlag erfreuen Euch.

(Rainald Simon 2014)

 

Wenn man sich mit fremdsprachlicher Lyrik beschäftigt, sollte man Schopenhauers[2] apodiktische Aussage: „Gedichte kann man nicht übersetzen, sondern bloß umdichten; welches allezeit mißlich ist“, nicht vergessen. Der Grund dafür ist in den Worten Theodor W. Adornos[3] angegeben, dass „[...] die Übersetzung in einen Anpassungsmechanismus gerät, der angemessenes Verständnis überhaupt unmöglich macht [...]“.

Eine nach meinen Vorstellungen gute Übersetzung des Shījīng, der zwischen dem 11. und 7. vorchristlichen Jahrhundert kompilierten Anthologie ältester chinesischer Lyrik, zeigt zweierlei: Die herbe Kargheit der Originale, doch mit der bei aller genauen Wörtlichkeit größtmöglichen ästhetischen Formung. „Daher kann man heute, wenn man das Wagnis einer Nachdichtung auf Deutsch unternimmt, nicht in die Sprache der Goethe-Zeit verfallen”, bemerkt Heide Köser zu Recht[4]. Dennoch kann ich ihr nicht folgen, wenn ihr Co-Autor Armin Hetzer, der ihre wörtlichen Übersetzungen „philologisch bearbeitete“, in Nr. 43 Formulierungen wie „[…] kriegt diesen widerlichen Hampelmann” oder in Nr. 20 „ein paar Männer finden mich passabel […]” benutzt, denn Verben wie „kriegen” und „jemanden passabel finden” sind zwar dem umgangssprachlichen Register zuzuordnen, aber ob sie der Ebene des Originals entsprechen, ist kaum zu entscheiden, zudem veraltet diese Sprechweise zu schnell.

 

43

Der neue Turm.

Der neue Turm leuchtet hell
das Flußwasser dehnt sich weit
einen hübschen Mann gesucht
einen Zwerg, keinen guten.

Der neue Turm ist hoch
das Flußwasser spiegelglatt
einen hübschen Mann gesucht
einen Zwerg, keinen flotten.

Ein Fischnetz geworfen
eine Wildgans zappelt darin
einen hübschen Mann gesucht
kriegt diesen widerlichen Hampelmann.
(Armin Hetzer nach Heide Köser 1980)

43

<P
Die neue Terrasse mit welcher Frische, des Stromes Wasser weit, so weit.
Der Schwalbenanmut Verlangen …, [doch] die Mistkäfer sind nicht ausgemerzt.

Die neue Terrasse mit welchem Glanz, des Stromes Wasser klar, so klar.
Der Schwalbenanmut Verlangen …, [doch] die Mistkäfer sind nicht ausgemerzt.

Des Fischernetzes Falle; halt dich fern Schwan!
Der Schwalbenanmut Verlangen …, bekommt den üblen Krebs.

(Rainald Simon 2014)

 

20

Pflaumen werden geschüttelt.
runter plumpsen sieben
ein paar Männer finden mich passabel
jetzt will ich es wissen.

Pflaumen werden geschüttelt.
runter plumpsen drei
ein paar Männer finden mich passabel
jetzt bin ich reif.

Pflaumen werden geschüttelt.
in die schräge Kiepe leg ich alle
ein paar Männer finden mich passabel
jetzt bequemt euch endlich mal.
(Armin Hetzer nach Heide Köser 1980)

20

Schüttelt die Pflaumen, es sind ihrer sieben noch.
Ihr, die ihr mich wollt, ihr Herren, nutzt einen Glückstag.

Schüttelt die Pflaumen, es sind ihrer drei noch.
Ihr, die ihr mich wollt, ihr Herren, nutzt das Heute.

Schüttelt die Pflaumen, der Schüttkorb sammelt sie.
Ihr, die ihr mich wollt, ihr Herren, nutzt das Zusammensein!

(Rainald Simon 2014)

 

Das Gegenteilige, das „hohe Sprechen” allerdings, wie es Günther Debon mit einer an Stefan George erinnernden lexikalischen Vorliebe für das Gewählte, Seltene, ja Entlegene pflegt, veraltet seltsamerweise nicht weniger rasch. Diese Sprache fügt dem Original eine Aura der Feierlichkeit und Abgehobenheit hinzu. Nicht zu Unrecht weist Heide Köser den Begriff der „Ode” für die Lieder des Shījīng zurück[5].

Übersetzungen dürfen, und das ist keine Ausrede für mangelnde lyrische Kompetenz, durchaus die Narben der „translatorischen Operation” zeigen, denn gerade sie zeugen von zeitlicher und kultureller Ferne. Die Fremdheit des Textes darf nicht in einem Vorgang des Einschmelzens verloren gehen, sie gehört zur Würde des fremden, fernen sprachlichen Gebildes. In den Worten Walter Benjamins aus seinem berühmten Aufsatz „Die Aufgabe des Übersetzers”: „Es ist daher […] das höchste Lob einer Übersetzung nicht, sich wie ein Original ihrer Sprache zu lesen”[6]. Sprachliche Strategien der Zielsprache wie die Reimung setzen immer die Degradierung der Interlinearübersetzung zum sprachlichen Material voraus. Auf alle sprachlichen und rhetorischen Mittel der Zielsprache, die die Gefahren der Entwürdigung in sich bergen, sollte der Übersetzer verzichten.

Einfachheit infolge von Beschränkung ist Programm. Nichts wird also „aufgefüllt“, die Prägnanz des chinesischen Textes soll bewahrt werden, ohne dass die grammatischen Strukturen des Deutschen gänzlich aufgegeben würden. Reduktion der sprachlichen Mittel war ein Weg, das puristisch Einfache zu erreichen. Oder wie es Joachim Schickel, 1924-2002, unnachahmlich dialektisch formulierte: Es ist „die Möglichkeit des Wörtlichen zugunsten der Notwendigkeit des Lyrischen” zu nutzen[7].

Auf eine der originalen Struktur folgende Reimung wurde in der Regel deshalb bewusst verzichtet, da zu weitgehende und damit verzerrende Eingriffe nötig wären, um die Strukturen adäquat wiederzugeben. Friedrich Rückerts spätromantische Lösungen sind eine Art Zwangseinbürgerung ins Reich deutscher Reimung, die das Original verzerren. Außerdem besteht die Gefahr, einen seltsam anachronistischen Klang im Deutschen zu erhalten, der eine künstliche Patina hinzufügte. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, die Übersetzer des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgten insgeheim einer Maxime, die mit den Worten Vinzenz Hundhausens aus Lied Nr. 2 „Wascht und glättet …“ wiederzugeben wäre[8].

Es gibt allerdings innerhalb der Sinologie eine andere und durchaus an Wirkungen reiche Tradition, zu der Alfred Hoffmann[9] mit seinen angesehenen ersten Übersetzungen von Liedern der Sòng-Zeit [oder unmittelbar vorangehender „Dynastien“] gehört. Im Vorwort zu „Frühlingsblüten und Herbstmond“ schreibt er kurz und knapp: „Auf den Reim wurde verzichtet.“ Ohne dass der Übersetzer eine Begründung folgen ließ - und doch gehören seine Übersetzungen vom Beginn der 1950er Jahre zu den heute noch genießbaren - sie sind sprachlich nicht angestaubt, nach wie vor wirken sie frisch und zeitgemäß.

Es wurde versucht, den im Chinesischen möglichen Verzicht auf ein Subjekt beizubehalten. James Robert Hightower[10] schrieb 1952 in „Introduction” zu der Gesamtübersetzung der Gedichte des Dù Fǔ 杜甫 aus der Hand des bedeutenden Wiener Übersetzers Erwin Ritter von Zach, 1872-1942, „[…] von Zach […] has the great virtue of conveying the paraphrasable content of the poems he translates uncontaminated by any versifying on the part of the translator.” Besser könnte es nicht gesagt werden: Keine Kontamination durch Reimung! Der Vorwurf Albert Ehrensteins aus dem Jahre 1922 von der „dichterisch schwächere[n] Professorenarbeit”[11], [Ehrenstein 1994: 3/I, 107] gemünzt auf Victor von Strauß, ist leicht hinzunehmen. Zur Bekräftigung eines möglichst behutsamen Umganges mit dem Original noch einmal ein Zitat Walter Benjamins: „Die wahre Übersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht [….][12].”

Chinesische Lyrik zeichnet sich gerade durch Schwebezustände aus, die allerdings im Deutschen, das in den meisten Fällen alles unerschütterlich gründen möchte, nur mit Anstrengung beizubehalten sind. Gefälligkeit und schartenfreier Wohlklang [Vincenz Hundhausen, Franz Rückert u. a] waren kein Ziel, schon eher das andauernde Schweben über den Fesseln der deutschen Grammatik.

Bisweilen habe ich mir in semantischer Hinsicht die Freiheit genommen, einen im westlichen Kulturzusammenhang gänzlich unpassenden oder gar negative Gefühle auslösenden Vergleich durch eine nicht wörtliche aber inhaltlich adäquate Fassung zu ersetzen. Etwa wenn die Hautfarbe einer schönen, jungen Frau mit dem Weiß eines Engerlings verglichen wird oder ihre Brauen mit den Fühlern einer Motte. Mindestens die Frauen der westlichen Rezeptionsgemeinschaft werden mit diesen Vertretern der Fauna nicht unbedingt feine Ästhetik verbinden.

Ein anderes häufiges Redemittel, die Reduplikation von Adjektiven und Adverbien[13] ließ sich allerdings übertragen und zwar konsequent. Angelo Zottoli gibt in seinem „Cursus litteraturae sinicae” eine umfängliche Liste der Reduplikationen unter dem Titel „Geminate carminum voces” und belegt damit die herausgehobene Bedeutung dieses sprachlichen Mittels [Zottoli 1926: XIII-XVIII]. Wāng Róngpéi stellt fest: „Reiterative stanzas, reiterative lines, reiterative words, alliterative compounds and rhyming compounds are all frequently used”[14] [Wāng 2008: 48]. Ich kann Heide Köser nicht beipflichten, wenn sie feststellt: „Wir können nicht >hoch-hoch< oder >hübsch-hübsch< schreiben […]”. Wieso eigentlich nicht? Und wer ist die Autorität hinter dem Satz: „Wir haben es dann mit „Zwillingen” zu tun, die in deutscher Lyrik so nicht zulässig sind.”[15]? Kein Übersetzender sollte sich durch derartige Eingrenzungen hemmen lassen! Es gehört zu den Vorzügen der Pound’schen Fassung, dass der Dichter gerade versuchte, ab und an Reduplikationen zu bewahren. So fand er in Lied Nr. 168 für das onomatopoetisch das Rumpeln der Streitwagen beschreibende 彭彭 péng péng die Entsprechung lickety-clickety und im gleichen Lied für 喓喓 yāo yāo, das Zirpen der Grashüpfer, chirruppy-churrp[16]. Ezra Pound’s Landsmann Edward Shaugnessy folgt dem Dichter in gewisser Weise, ohne jedoch Übersetzungen der reduplizierten Adverbien zu suchen. Für die beiden Verse

„鐘鼓喤喤 / zhōng gǔ huáng huáng, / 磬筦將將 / qìng guǎn jiāng jiāng […]“

„Der Glocken und Trommeln Klang voll, so voll, / [und es] klingen Klangsteine und Flöten heller, heller […]“

findet Edward Shaugnessy die Entsprechung:

The bells and drums huang-huang, / The chimes and flutes jiang-jiang“.

 

168[17]

出車
Chū chē

我出我車、于彼牧矣。
Wǒ chū wǒ chē, yú bǐ mù yǐ
自天子所、謂我來矣。
zì tiān zǐ suǒ. wèi wǒ lái yǐ.
召彼僕夫、謂之載矣。
zhào bǐ wǒ fū, wèi zhī jiāo yǐ.
王事多難、維其棘矣。
wáng shì duō nán, wéi qí jí yǐ.

我出我車、于彼郊矣。
wǒ chū wǒ chē, yú bǐ jiāo yǐ.
設此旐矣、建彼旄矣。
shè cǐ zhào yǐ, jiàn bǐ máo yǐ.
彼旟旐斯、胡不旆旆。
bǐ yú zhào sī, hú bù pèi pèi.
憂心悄悄、僕夫況瘁。
yōu xīn qiǎo qiǎo, pú fū kuàng cuì.

王命南仲、往城于方。
wáng mìng nán zhòng, wàng chéng yú fāng.
出車彭彭、旂旐央央。
chū chē péng péng, qí zhào yāng yāng.
天子命我、城彼朔方。
tiān zǐ mìng wǒ, chéng bǐ shuò fāng.
赫赫南仲、玁狁于襄。
hè hè náng zhòng, xiǎn yǔn yú xiāng.

昔我往矣、黍稷方華。
xī wǒ wàng yǐ, shǔ jì fāng huá.
今我來思、雨雪載塗。
jīn wǒ lái sī, yǔ xuě zǎ tú.
王事多難、不遑啟居。
wáng shì duō nán, bù huáng qǐ jū.
豈不懷歸、畏此簡書。
qǐ bù huái guī, wèi cǐ jiān shū.

喓喓草虫、趯趯螽。
yāo yāo cǎo chóng, tì tì fù zhōng.
未見君子、憂心忡忡。
wèi jiàn jūn zǐ, yōu xīn chōng chōng.
既見君子、我心則降。
jì jiàn jūn zǐ, wǒ xīn zé jiàng.
赫赫南仲、薄伐西戎。
hè hè náng zhòng, bó fá xī róng.

春日遲遲、卉木萋萋。
chūn rì chí chí, huì mù qī qī.
倉庚喈喈、采蘩祁祁。
cāng gēng jiē jiē, cǎi fán qí qí.
執訊獲醜、薄言還歸。
zhí xùn huò chǒu, bó yán huán guī.
赫赫南仲、玁狁于夷。
hè hè nán zhòng, xiǎn yǔn yú yí.

168

Ich sende sie aus, meine Streitwagen

Ich sende sie aus, meine Streitwagen, auf jene Weiden.
Von des Himmelssohnes Ort befahl man mich her.
Rief die Besatzungen, hieß anschirren.
Des Königs Sache ist in großer Gefahr, wir müssen uns anspannen!

Ich sende sie aus, meine Streitwagen, in jenes Vorland.
Zieht auf die Flagge mit Schlange und Schildkröte, schwenkt die Quastenwimpel.
Wie sollten die Greifenfahne, die Schlangenflagge nicht knatternd flattern?
Schwermütig die Herzen, schwer so schwer, Mannen erschöpft, ausgezehrt.

Der König befahl General Nán Zhòng: Schanzen im Yú–Gebiet
Streitwagen rollten Rad auf Rad. Drachenfahnen, Schlangenflaggen prunkvoll prunkend.
Des Himmels Sohn befahl mir: Schanzen im Nordland.
Mächtiger, prächtiger Nán Zhòng, fege die Xiǎnyǔn hinweg.

Als einst wir losmarchierten, stand die Rispenhirse, die Borstenhirse gerade in Blüte;
nun kommen wir und es schneit auf unseren Wegen.
Des Königs Sache ist in großer Gefahr, keine Zeit zu knien, zu sitzen.
Wer denkt nicht an Heimkehr, fürchtet nicht die Bambusschreiben?

Jogjog … die Grashüpfer, es springen, springen die Heuschrecken. Noch sahen wir nicht unsere Männer, Trauer im Herzen und Sorgen, Sorgen.
Haben wir die Männer gesehen, fallen uns Steine vom Herzen.
Mächtiger, prächtiger Nán Zhòng, schlage die westlichen Róng.

Frühlingstage, langsam, so langsam; Kraut und Baum üppig und dicht,
Oriole ker…ker, sie sammeln Silberraute reichlich, so reichlich.
Horcht aus die Gefangenen, greift die Dämonen, stimmt ein Lied an und kehrt zurück!
Mächtiger, prächtiger Nán Zhòng, befriede die Xiǎnyǔn.

 

Die neue Übersetzung wendet in allen Fällen diese dem Original nahe Form der Wiedergabe an. Edward Shaugnessy meint, dass das im ShIjIng so bedeutsame formale Element der Reduplikation von Adjektiven und Adverbien auf die onomatopoetischen Äqivalente für den Klang diverser Musikinstrumente zurückgehe. Wie dem auch sei, es ist keineswegs immer lautmalerische Wiedergabe bestimmter Laute beabsichtigt, sondern es ist wohl eher auf eine besondere klangliche Wirkung im Vortrag gezielt.

Die Arbeit von Bernhard Karlgren aus dem Jahr 1944[18] kann in ihrer wissenschaftlichen Genauigkeit immer noch als Vorbild gelten, doch legte Karlgren nach eigener Aussage keinen Wert auf die ästhetische Gestaltung seiner Lösungen.[19] Seiner Methode folgte Heide Köser und steigert die Vorsicht beim Übersetzen noch, indem sie drei Formen der Einklammerung benutzt. Ihre als „wörtliche Übersetzungen“ dienenden Fassungen wurden als Grundlage einer so genannten „philologischen Bearbeitung“ verwendet, was nichts anderes als die Herstellung glatter Fassungen bedeutet, die sich nicht um die Skrupel des Sinologen haben kümmern müssen und derart eine neue Form der Vereinahmung darstellen. In meinen Augen kapituliert ein Übersetzer, wenn er sich dem unbedingten Diktat der eingängigen Lesbarkeit beugt. Bei allen Bemühungen darf etwas keinesfalls übersehen oder überhört werden: „The language in The Book of poetry has a beautiful musical effect”[20]. Diesen in der Zielsprache nicht zu verraten, ist das Allerschwerste.


[1] Walter Benjamin: Illuminationen, Frankfurt 1961, Die Bücher der Neunzehn 78, S. 66.

[2] Arthur Schopenhauer: Sämtliche Werke, Wiesbaden 1947, 6. Bd., Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, 2. Bd., S. 602.

[3] Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Norbert Fügen [Hg.]: Wege der Literatursoziologie, Neuwied 1968, Soziologische Texte 46, S. 215.

[4] Heide Köser: Das Liederbuch der Chinesen, Frankfurt 1990, S. 242.

[5] Siehe Fn. 5, S. 241.

[6] Siehe Fn. 2, S. 66.

[7] Jochachim Schickel [Übs.]: Chinesische Gedichte aus drei Jahrtausenden, Frankfurt 1965, S. 9.

[8] Vincenz Hundhausen: Chinesische Dichter in deutscher Sprache, Peking, Leipzig 1926, S. 113.

[9] Es soll nicht verschwiegen werden, dass Alfred Hoffmann auf politischem Felde mit seiner Mitgliedschaft in der NSDAP eine ganz und gar fragwürdige Haltung einnahm, was im Übrigen nach dem II. Weltkrieg keineswegs eine Berufung als Ordinarius an die Heidelberger Universität ausschloss.

[10] Erwin Ritter von Zach [Übs.]: Tu Fu’s Gedichte, [Harvard University Press] Cambridge, Mas. 1952, S. IX.

[11] Hanni Mittelmann [Hg.]: Albert Ehrenstein Werke [Werkausgabe in 5 Bd.], Bd. 3: Chinesische Dichtungen, München 1995, Bd. 3/I, S. 107.

[12] Siehe Fn. 2, S. 66.

[13] Eward Shaugnessy bemerkt zu dieser sprachlichen Besonderheit: This use of reduplicatives […]would develop into one of the characteristic features of prosody in the Book of Poetry [Edward L. Shaugnessy: Before Confucius. Studies in the Creation of the Chinese Classics: S. 181.

[14] Wang Rongpei [Übs.]; Chen Junyin [Übs.]; Jiang Jianyuan [Übs.]: Shijing / The Book of Poetry, Vol. I, Vol. II, [Hunan Publishing House] 2008, Library of Chinese Classics, S. 48.

[15] Siehe Fn. 5, S. 241.

[16] Ezra Pound [Übs.]: The Classic Anthology Defined by Confucius, [Harvard University Press], Cambridge 1955, S. 87 f.

[17] Kommentar: 玁狁于襄 xiǎn yǔn yú xiāng ermöglicht die Voranstellung des Objekts 玁狁 xiǎn yǔn [Xiáng 1986: 595 f.; Nr. 7]. 簡書 jiān shū „Bambusschreiben“, auf Bambusspleißen geschriebene Marschbefehle. 喓喓 yāo yāo, die archische Aussprache des onotomapoetischen Ausdruck ist etwas jog, jog. 西戎 xī róng, die westlichen Róng, ein Stamm der 玁狁 xiǎn yǔn.
Königs Xuān 宣, 827–782 v. Chr., der Westlichen Zhōu–Dynastie sandte Feldmarschall Nán Zhòng gegen die nomadischen Xiǎnyǔn 玁狁 im Norden, die in chinesische Gebiete eingefallen waren. Der Feldmarschall erreichte einen großen Sieg [Gāo Hēng.: 高亨: 詩經今註 Shījīng jīn zhù, 上海古籍出版社 Shànghǎi gǔjí chūbǎnshè, Shanghai 1980, S. 230].

[18] Bernhard Karlgren [Übs.]: The Book of Odes. In: Bulletin of the Museum of Far Eastern antiquities, 16, 1944, S. 171–256.

[19] Im Vorspann der Neuausgabe seiner Übersetzungen schreibt Bernhard Karlgren 1950: „This translation was not intended to have any literary merits […]“. [Bernhard Karlgren [Übs.]: The Book of Odes, Stockholm: The Museum of Far Eastern Antiquities, 1950, S. 1.

[20] Siehe Fn. 15, S. 48.


Der Text ist dem Nachwort der vom Reclam-Verlag, Stuttgart, vorbereiteten neuen Gesamtübersetzung des Buches der Lieder – Shījīng mit freundlicher Genehmigung des Verlages entnommen.

© Rainald Simon